Als ich das düstere Labyrinth betrete, fällt mir als Erstes die Melodie auf: eine Symphonie aus elektronischen Klängen, beruhigend, gleichzeitig mystisch. So wie man sich den Soundtrack für Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ vorstellt. Die Gänge sind tatsächlich so eng wie in einem U-Boot. Immer wieder muss ich mich vorbei schieben an anderen Menschen: Erwachsene und Kinder, die so sehr mit ihrer Umgebung beschäftigt sind, dass sie mich gar nicht wahrnehmen.

Hinter einem der Gänge weitet sich der Raum und ich bin am Ziel. Ich sehe ihn hinten in der Ecke kauern und bleibe vor der Glasscheibe stehen. Genau in diesem Moment blickt er zu mir herüber. Dann tut er etwas, womit ich nicht gerechnet habe: Er breitet seine Arme aus und kommt auf mich zu. Zweieinhalb Meter spannen sich vor mir auf. Ich merke, wie mir plötzlich ein Stein in die Magengrube rutscht. Wäre die Scheibe nicht, ich würde weglaufen.

Je näher er kommt, desto mehr ändert sich die Farbe seiner faltigen Haut, von einem blassen Rosa in ein tiefes Rot, er ist aufgeregt. Ich stehe da wie angewurzelt. Die Art wie er mich mustert lässt glauben, dass hinter der knochenlosen Stirn ein Bewusstsein sitzt. Nun hat er die Scheibe erreicht, nun scheint es angemessen, dass ich zu ihm hin gehe und meine Hand ans Glas lege. Aber das tue ich nicht, denn ich will professionell sein und halte stattdessen mit der Kamera auf ihn, halte alles fest. Er verharrt einen Augenblick hinter der Scheibe, dann wendet er sich ab, enttäuscht, wie mir scheint. Der Moment ist vorbei.

„Seltsam. Sie sind nicht der erste Besucher heute und sicher auch nicht der Erste mit einer Kamera. Wahrscheinlich gefällt ihm Ihr T-Shirt“, kommentiert Martin Hansel, der direkt neben mir steht und das Szenario verfolgt hat. Der Chefaquarist des Berliner Sea Life Aquariums hat sich bereit erklärt, mir das Prunkstück der aktuellen Ausstellung persönlich vorzustellen: ein Pazifischer Riesenkrake, der keinen Namen hat, sondern von den Angestellten nur GPO genannt wird, kurz für Giant Pacific Octopus. Er wurde als Jungtier vor der Küste Kanadas eingefangen, vor etwa einem Jahr und direkt nach Deutschland importiert.

Während ich immer noch nachdenklich mein schwarz-grün gestreiftes T-Shirt betrachte, öffnet Hansel die Tür neben dem Wassertank. Auf einer schmalen Stiege klettern wir nach oben, bis wir auf Hüfthöhe am Beckenrand stehen. „Bei Kraken muss der Deckel immer gut verschlossen sein. Sie sind wahre Ausbruchskünstler“, sagt der Chefaquarist. Und tatsächlich, kaum hebt er den Deckel, kommt der Krake schon heraufgeschwommen, Tentakel voran, sodass er aussieht wie ein aufgespannter Regenschirm von unten. Nur dass dieser Regenschirm bedeckt ist mit Saugnäpfen und in seiner Mitte ein scharfer Schnabel blitzt.

Schon strecken sich die ersten Fangarme aus dem Wasser und tasten und winden sich vorsichtig den Beckenrand entlang. Mir kommt es vor als hätten sie ein Eigenleben. Mit der Spitze meines Zeigefingers berühre ich einen der Saugnäpfe und der – was sollte er auch anderes tun – saugt sich sofort an mir fest, aber so prompt und so stark, dass ich erschrecke und den Finger gleich wieder zurückziehe – mit einem lauten Plopp!

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Hansel scheint das schon gewöhnt zu sein, nicht nur den Finger hält er hin, sondern den ganzen Arm. Ein Tentakel nach dem anderen hebt sich aus dem Wasser und wickelt sich darum. Ein fischiger Geruch schlägt mir entgegen. Ich muss an die Meeresfrüchte-Spaghetti beim Italiener denken. Was ich sehe, erinnert an die Szenen aus einem alten Horrorfilm, bei denen ganze Schiffe von riesigen, sich windenden Fangarmen erst umschlungen und dann Unterwasser gezogen werden.

Ich befürchte Hansels Arm wird bald ein ähnliches Schicksal ereilen. Aber jedesmal wenn es ihm zu viele Tentakel werden, packt er sie und zieht einen nach dem anderen mit einem Ruck ab. Die vielen Saugnäpfe, die sich schnell nacheinander lösen, machen ein Geräusch wie beim Abziehen einer Duschmatte. Kaum hat Hansel die Tentakel abgezogen kommen sie wieder heraufgekrochen. „Das machen alle Kraken, auch die Kleineren. Ich glaube nicht, dass es Aggression ist, eher Neugierde“, sagt Hansel, der zugibt, dass er sich gerne mit den Tieren beschäftigt, weil sie „auch interagieren, wenn es nichts zu fressen gibt“.

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Ich erinnere mich an die Worte einer angesehenen italienischen Zoologin, die ich vor einiger Zeit zu dem Thema interviewt hatte. „Kraken zeigen Spielverhalten, das ist ein Beweis dafür, wie klug sie sind“, hatte Anna Di Cosmo gesagt. Architektur und Komplexität ihres Gehirns seien schon mit dem von Säugetieren verglichen worden. An den Wänden im Sea Life Aquarium steht sogar geschrieben: „Der Oktopus ist intelligent wie ein Hund.“ Allerdings glaube ich nicht, dass die Wissenschaftlerin ein so hoch entwickeltes Säugetier gemeint hat. Was sicher ist: In freier Natur können Kraken ihr Verhalten anpassen, Werkzeuge benutzen oder andere Tiere imitieren. Di Cosmo zufolge ist das ein Indiz dafür, dass sie ein Bewusstsein haben und dazu fähig sind, Schmerzen zu empfinden. Nach allem, was ich bisher von GPO gesehen habe, glaube ich Di Cosmo gerne. Allerdings frage ich mich, wie es für ihn ist, eingesperrt zu sein.

Meine Gedanken enden abrupt, denn vor meinen Augen spielt sich etwas so Eindrückliches und Unerwartetes ab, dass mir die Kinnlade hinunter klappt. Martin Hansel, der die ganze Zeit „Tentakel-an, Tentakel-ab“ mit dem Kraken gespielt hat, hat es irgendwie geschafft, seine Hand bis zum Kopf des Tieres vorzustrecken und begonnen, ihm die Stirn zu kraulen. Mit einem Mal hören die Fangarme auf um sich zu greifen und der Krake hält still, mehr noch: er greift an den Beckenrand und zieht sich der kraulenden Hand entgegen. Es ist offensichtlich: Es gefällt ihm. Hansel, der mein Staunen bemerkt hat, sagt zur Bestätigung: „Ja, Kraken mögen das.“ Jetzt bin ich baff. Wie war das noch gleich mit dem Hund?

 

Hier das Video zur Geschichte: