Der Fahrer und ich schauen uns an. „4000 und wir fahren sofort“, sagt er auf russisch. Ich atme tief durch. Jetzt muss ich eine Entscheidung treffen.

Erst diesen Morgen bin ich von Usbekistan aus über die Grenze. „Feels good to be back“, dachte ich, als ich den kirgisischen Stempel im Reisepass bekam. Der zweite Gedanke war: „Wo zum Teufel bin ich hier?“ Ich musste heute nach Bishkek, da ich am nächsten Morgen für eine Pressetour angemeldet war. Der ursprüngliche Plan war, von Osh aus zu fliegen – das Ticket kostet etwa $40. Ich hatte zwar noch keines, aber um solche Nebensächlichkeiten wollte ich mich am Flughafen kümmern.

 

 

Am Vortag bin ich von Tashkent nach Andijon gefahren. Der ursprüngliche Plan war, dort über die Grenze zu gehen. Dort bin ich zwei Wochen vorher von Osh aus eingereist. Allerdings war der Checkpoint schon geschlossen als wir ankamen und mein Fahrer hat improvisiert. Zunächst haben wir es an einem anderen Checkpoint versucht und als der auch geschlossen war, hat er mich einfach bei einer Familie im Ort rausgeschmissen – „Dann probierst du’s halt morgen“.

Am nächsten Tag hat es dann geklappt. Natürlich hat der usbekische Grenzbeamte meine Hotel-Registrierungen verlangt, alle meine Fotos angeschaut und meinen Laptop durchsucht. Immerhin habe ich die Grenze schon nach zwei Stunden passiert. Allerdings fingen dort die Probleme erst an. Ich stand in einem kleinen kirgisischen Ort weit, weit weg von Osh und dem nächsten Flughafen. Ich war ziemlich überrascht, als ich erfahren habe, dass wir in der Nähe von Jalal-Abad sind, ein gutes Stück nördlich von Osh. Also entschied ich, mit einem Gemeinschaftstaxi nach Bishkek zu fahren. Damit verhält es sich so: Man muss so lange warten, bis das Auto voll ist. Das kann mehrere Stunden dauern und dann fährt man noch etwa zehn Stunden über die Berge, bis man in der Hauptstadt ist. Das heißt, Ankunftszeitpunkt ungewiss.

Der Taxifahrer Achlbek sollte mich zunächst nur zur nächsten Taxi-Station bringen. Als wir dort stehen, macht er mir das Angebot: „4000 und wir fahren sofort.“ Die Entscheidung trifft das Rückenmark, nicht der Kopf. Mit den Worten des großen Juri Gagarin sage ich: „Pajechele!“ – Fahren wir!

4000 Som (ca. $80) sind wirklich viel zu teuer für diese Fahrt, aber Zeit ist Geld und ich muss unbedingt nach Bishkek. Für mich war anlässlich der Schneeleoparden-Konferenz ein Zimmer in einem der teuersten Hotels der Stadt reserviert (Ak Keme, $160 pro Nacht). Wenn ich es heute nicht mehr schaffe, dann started die dreitägige Pressetour morgen ohne mich.

Die Fahrt an sich ist gar nicht so schlimm, ich schlafe sowieso meistens. Und die wachen Momente werden mit atemberaubender Aussicht belohnt. Man fährt über zwei Pässe, einer davon auf 4000 Metern. Dann geht es durch einen drei Kilometer langen Tunnel. Wenn nur der Zeitdruck nicht wäre. Wer mich kennt, weiß, Geduld ist nicht meine Stärke. Die vielen Schafe, Esel und Pferde auf der Straße hätte ich noch verkraftet, aber als wir zur Werkstatt fahren, um die Bremsklötze auszutauschen, flippe ich fast aus. „Die brauchen wir nicht, gib Gas!“, würde ich am liebsten schreien. Dazu reicht mein Russisch aber nicht.

Ich tigere auf und ab und gucke ab und zu was die Jungs machen. Dann passt das Ersatzteil nicht, irgendwas steht über. Ich sterbe tausend Tode. Zum Glück sind wir in Kirgisien und was nicht passt, wird zurecht geschweißt.

Als wir an der Tankstelle halten, trinke ich meinen ersten Kaffee seit Wochen. In Usbekistan ist mir meine physische Abhängigkeit mal wieder so richtig bewusst geworden. Ich freue mich also richtig über den gepanschten Tankstellen-Kaffee. Allerdings nur so lange, bis wir wieder fahren. Dann schütte ich mir alles über’s Hemd.

Zu guter Letzt werden wir von der Polizei angehalten und mein Fahrer muss Strafe zahlen, weil er zu schnell war. – Daran bin ich wirklich nicht schuld. Kein Wort hab ich gesagt, um zu drängeln.

Wir kommen rechtzeitig in Bishkek an. „Ende gut, alles gut“, denke ich, bis ich im Hotel meine E-mails lese. Der Tag war noch nicht vorbei. National Geographic hatte sich noch mit Änderungen für meinen Artikel gemeldet. Ich will, dass er noch vor der Konferenz erscheint und lege eine Nachtschicht ein.

Reisetipp = Binsenweisheit: Wer viel plant, wird sich auch viel Ärgern.

Hier die Route: