Als ich den ersten Karabiner an das Eisenseil klippe, fällt mir ein Regentropfen auf die Nase. Ein paar Sekunden später schüttet es wie aus Eimern. „Na, großartig!“ – am frühen Morgen bin ich eine Dreiviertelstunde mit dem Bus von Arco nach Sarche gefahren, habe mich eine Stunde durch den Wald zum Einstieg gekämpft (30 Minuten Zustieg, plus ein paar Mal Verlaufen), bin auf einem Felsen gesessen und habe lange überlegt, ob ich das wirklich durchziehen will. Der Rino Pisetta gehört zu den schwierigsten Klettersteigen in der Gegend (Grad E) und ich war alleine unterwegs. Der Himmel war schon den ganzen Vormittag ziemlich verhangen und genau in dem Moment, als ich einsteigen will, fängt es an zu schütten. Eigentlich kann man von Glück reden, denn hätte es erst später geregnet, wäre ich wohl in der Wand festgesessen. Der Rino Pisetta hat ziemlich viele Steilpassagen, ohne künstliche Tritte und, im Gegensatz zum „normalen“ Klettern, kann man sich nicht einfach abseilen, wenn man nicht weiter kommt. „Naja, was soll man machen“, mit einem Seufzer entklippe ich den Karabiner, ziehe meinen Klettergurt aus und mache mich auf den Rückweg, erst nach Sarche, dann nach Arco. Der Tag war für den A…

Das Städtchen Arco liegt ein paar Kilometer nördlich vom Gardasee und ist ein wahres Mekka für Kletterfans. Da ich alleine unterwegs war – und ohne Zelt- kamen für mich die Campingplätze nicht wirklich infrage. Am besten sollte man mit dem VW-Bus, einem Kasten Bier und ein paar Freunden hinfahren. Arco war für mich eine Spontan-Entscheidung und ich hatte natürlich keine Unterkunft im Voraus gebucht. Im Gegensatz zu Torbole gab es kaum preiswerte Übernachtungsmöglichkeiten – Arco hat neben Campingplätzen hauptsächlich teuere Hotels und Ferienwohnungen. Also saß ich auf meinem Rucksack an einer Straßenecke, hab mit dem Smartphone gegoogelt und ein Bed & Breakfast nach dem anderen angerufen. Das Internetcafe im Stadtzentrum war geschlossen und ich musste Datenroaming aktivieren, plus höhere Telefonkosten im Ausland, einfach ärgerlich.

Reisetipp: Wer vorher plant und bucht, tut sich natürlich leichter. Wer planlos reisen muss oder möchte, sollte mit unerwarteten Kosten rechnen. Meistens kann man billige Unterkünfte einfach und umsonst in der Touristeninfo erfragen. Wenn alles ausreißt, dann wissen oft auch Taxifahrer gut Bescheid.

Mit ein wenig Glück habe ich am Stadtrand eine Pension gefunden: Miori Ischia Adriana. Meine Namensvetterin war sehr freundlich und flexibel bezüglich des Angebots. Ich glaube, wir haben uns auf 35 Euro die Nacht geeinigt. Aber auch nur deshalb, weil schon Nebensaison war und ich ziemlich zerrupft aussah. Immerhin hatte das Zimmer einen schönen Ausblick.

In Arco besticht zunächst die hübsche Innenstadt, in der es von Klettershops nur so wimmelt. Wegen der vielen Konkurrenz sind die Klettersachen dort meist billiger, und wenn man sich Ausrüstung anschaffen möchte, sollte man es dort tun. Ein Bekannter hatte mir von dem Laden Gobbi Sport in der Via Segantini erzählt. Der sah zwar von außen vielversprechend aus, war aber leider geschlossen. Zwei Türen weiter habe ich dann sehr preiswert mein tolles Klettersteigset der Marke Kong erstanden. Die Firma kannte ich nicht, aber bisher hat das Set gute Dienste geleistet. Leider ist es auch von der aktuellen DAV-Rückrufaktion betroffen, aber das sind ja fast alle.

Dann wollte ich natürlich sofort klettern gehn, war aber von den Steigen in Arco nicht begeistert. Da gibt es nämlich nicht viele bzw. nicht viele Interessante. Einer wäre zum Beispiel der Sentiero attrezzato del Colodri oberhalb von Arco. Vom berühmt, berüchtigten Rino Pisetta hatte ich schon gehört und bin spontan hingefahren. „Nur mal angucken“, dachte ich. Nachdem es mich aber so viel Überwindung gekostet hatte, mich dran zu wagen und ich abbrechen musste, ist er zur Mission geworden – viel mehr hab ich in der Gegend nicht mehr gemacht.

Am nächsten Tag bin ich wieder hin, das Wetter hat gehalten. Ich hatte mich vorher im Internet informiert: Die ersten Meter nach dem Einstieg sind maßgeblich für die Schwierigkeit des ganzen Steigs, danach gibt es einen Notausstieg. Also hatte ich einen Ausweg, wenn es nicht klappt.

Hier meine Tipps zum Rino Pisetta:

  • Überhaupt einen Klettersteig alleine zu machen, ist nicht zu empfehlen. Es kann immer etwas passieren und an dem Tag war niemand sonst in der Wand, der hätte helfen können.
  • Kletterschuhe! Ich bin kein Klettersteig-Experte, aber ich kann mir nicht vorstellen mit Wanderschuhen am Rino Pisetta Halt zu finden. Wander- oder Turnschuhe für Zu- und Abstieg kann man während des Kletterns in den Rucksack packen.
  • Ausdauer: Ich bin in der damaligen Saison eine Wand mit Schwierigkeitsgrad 6 im Vorstieg geklettert – war also nicht übermäßig gut, aber die Kondition hat gereicht. Für einen erfahrenen Kletterer ist diese Wand kein Problem, für einen unerfahrenen Klettersteiggänger schon. Immer und wirklich immer sollte man eine extra Bandschlinge mit Karabiner zum Ausruhen dabei haben. Das Klettersteigset ist nicht zum Hineinsetzen gedacht.
  • Schwierigkeit: Technisch hat die Wand keine Probleme bereitet. Es gibt keine Überhänge, nur Steilpassagen mit wenig Fußauflage. Aber bitte den Nervenfaktor nicht unterschätzen. Beim Klettersteig gibt es nun mal kein Zurück und man hängt an schwindelerregend hohen Wänden, die senkrecht in die Tiefe führen. Am besten einen Kumpel mit Seil mitnehmen, um zur Not von oben nachsichern zu lassen.

Der Klettersteig an sich dauert keine zwei Stunden, aber inklusive Zu- und Abstieg ist der ganze Nachmittag futsch. Daher genug Proviant und Wasser mitnehmen. Und wenn man am Gipfel des Dain Picol (971 m) steht und glaubt, man hat es geschafft, dann fängt das Abenteuer erst richtig an. Die Italiener sind keine großen Fans der Wegbeschilderung. Wenn man also an der kleinen Kapelle vorbei, durch den Wald hinuntergeht, kommt man in ein kleines, verschlafenes Dorf namens Ranzo. Dort sieht man einen Wegweiser nach Sarche. Wenn man diesem Wegweiser folgt, kommt man an einen anderen Wegweiser nach Sarche, der genau auf den Ersten zeigt. Auf der Straße ist keine Menschenseele, die man um Rat fragen könnte. Nur zwei Esel und ein Hund stehen am Zaun und sehen stumm zu, wie man zwischen den Wegweisern solange hin und her läuft, bis man seine 50/50-Chance nutzt und sich für eine Richtung entscheidet. Ich bin irgendwo im Tal angekommen und musste mit dem Bus nach Sarche fahren. Ob das der kürzeste Weg war, wage ich zu bezweifeln.

Fazit: sehr cooler Klettersteig. Mit ein wenig körperlicher und nervlicher Ausdauer auch für Amateure machbar, aber in der Gruppe sicherer und ganz bestimmt auch lustiger. Ranzo ist definitiv eine Reise wert!